(Re-)konstruierte Wahrheiten: Objektivität bei der Spurensicherung und -auswertung

HUMAN FACTORS, BIAS, HEURISTIKEN, ENTSCHEIDUNGSPROZESSE, KONTEXTFAKTOREN, FORENSIK

Dieses eintägige Seminar, welches in Kooperation mit dem Forensischen Institut Zürich durchgeführt wird, hat zum Ziel, ungewollte Einflüsse in den verschiedenen Phasen der Strafverfolgung zu identifizieren und wirkungsvolle Strategien zu entwickeln, diese zu minimieren. Das Hauptaugenmerk werden wir dabei auf Spurensuche, -selektion und -wertung richten. In einem ersten Schritt werfen wir einen Blick auf die Funktionsweise des Gehirns und Mechanismen der Informationsverarbeitung. In einem zweiten Schritt wird es in einem gemeinsamen Austausch darum gehen, geeignete Methoden und Vorgehensweisen zu diskutieren, um solche Einflüsse auf individueller und organisationaler Ebene wirkungsvoll zu reduzieren.

Ausgangslage

Gemäss Art. 139 StPO ist das Ziel jeder Strafuntersuchung die Wahrheitsfindung. Aber: Was ist wahr und wo liegt die Täuschung? Gemäss Art. 306 StPO hat die Polizei den Sachverhalt festzustellen. Wie objektiv und in welchen Toleranzen lässt sich der Sachverhalt feststellen?
Der Glaube, Entscheidungen völlig rational und unbeeinflusst fällen zu können, ist eine vom Gehirn erzeugte Illusion. Kontextfaktoren, Erwartungen, Suggestionen, subjektive Überzeugungen sowie motivationale und emotionale Aspekte können schon zu Beginn der Ermittlungstätigkeit mitwirken und die weitere Informationssuche bzw. abschliessende Beweiswürdigung im Gericht beeinflussen. Trotz des enormen technologischen Fortschritts und den damit einhergehenden automatisierten Verfahren sind es immer verschiedene Fachpersonen, die Analyseergebnisse auswerten und Befunde interpretieren. Besonders in Situationen mit grosser Unsicherheit oder lückenhaften Informationen greift das menschliche Gehirn automatisch auf Heuristiken und Strategien zurück, die evolutionär verankert oder durch gesellschaftliche Normen geprägt worden sind. Heuristiken wirken komplexitätsreduzierend und sind je nach Gegebenheiten der Situation äusserst sinnvoll («ökologisch rational»). Allerdings wird unser Gehirn dadurch in komplexen und mehrdeutigen Situationen anfällig für Verzerrungen. Ebenso wirken sich Vorerfahrungen, erworbene Erwartungshaltungen und Kontextfaktoren unbewusst auf die menschliche Informationsver-arbeitung und Entscheidungsfindung aus, wie aktuellste neurowissenschaftliche Studien verschiedener Disziplinen (Medizin, Forensik, Wirtschaft) zeigen.

Zielgruppe

Forensische Fachkräfte, Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, Sachverständige der Rechtsmedizin und forensischen Psychiatrie, Ermittlerinnen und Ermittler, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte

DETAILS
Details_Seminar_Rekonstruierte Wahrheiten.pdf
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