Personenzentrierte Medizin – Heilen mit Hirn: Behandlungsoptimierung durch patientenorientierte Kommunikation

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von Dr. Peter Krummenacher,
Gründer und Geschäftsführer von brainability

Personenzentrierte Medizin – Heilen mit Hirn

Potenzialentfaltung und Behandlungsoptimierung durch patientenorientierte Kommunikation

Positive Wirksamkeitserwartungen und eine gute Behandler-Patient Kommunikation bestimmen entscheidend mit, wie gut es dem Patienten gelingt, seine körpereigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Placeboeffekte sind aktive und messbare neurobiologische Prozesse im Gehirn und bilden eine wichtige Voraussetzung für den Behandlungserfolg. Umgekehrt können „negative Placebos“ (Nocebos) die Wirkung von Medikamenten massiv abschwächen bzw. ganz verhindern. In der personenzentrierten Medizin liegt ein riesiges genesungsförderndes Potenzial, das mittels „sprechender Medizin” zur einfachen und kostengünstigen Verbesserung des Gesundheitswesens beiträgt.

Wer oder was trägt eigentlich zum Genesungsprozess bei?

In der Realität ist die vom Arzt verordnete Behandlung nur ein Teil des Genesungsprozesses. Zum therapeutischen Gesamterfolg tragen noch viele andere zwischenmenschliche, psychologische, soziale und neurobiologische Einflüsse bei.

So ist die Entfaltung des Wirkstoffes im Körper oftmals stark davon abhängig, ob und wie ein Arzt mit dem Patienten darüber spricht oder was der Patient bzw. der Arzt von der Behandlung erwartet.
Studien konnten beispielsweise zeigen, dass medikamentöse Behandlungen viel wirksamer sind, wenn der Arzt eine vertrauensvolle, anteilnehmende Beziehung zum Patienten hat und ihm klar machen kann, dass er selber von dieser Behandlung überzeugt ist.

Placeboprozesse bilden eine wichtige Voraussetzung für den Behandlungserfolg

Hoffnung auf Genesung sowie positive Wirksamkeitserwartungen und Behandlungserfahrungen bestimmen entscheidend mit, wie gut es dem Patienten in seiner Individualität gelingt, seine körpereigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die dadurch ausgelösten Placeboeffekte bilden eine wichtige Voraussetzung für den Behandlungserfolg und können für bis zu 60% der Medikamentenwirkung verantwortlich sein.

Umgekehrt können unbedachte Äußerungen des Behandlers wie zum Beispiel eine leichtfertig dahingeredete Verdachtsdiagnose, eingebildete Risiken oder Angst vor Nebenwirkungen die Wirkung von Medikamenten massiv abschwächen bzw. ganz verhindern und dem Patienten sogar schaden. Solche durch Ängste und Verunsicherung induzierte «negative Placebos» werden Nocebos genannt.

Messbare neurobiologische Prozesse im Gehirn

Heute wissen wir aus der neuropsychologischen Mind-Body- und Placeboforschung, dass diese faszinierenden Körper-Geist-Wechselwirkungen aktive und messbare neurobiologische Ereignisse im Gehirn darstellen; also nicht nur auf „Einbildung“ beruhen, wie früher oft angenommen wurde.
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass dabei im Gehirn dieselben biochemischen Prozesse ablaufen, als ob dem Körper tatsächlich ein heilbringender Wirkstoff zugeführt würde.
Dabei werden unterschiedlichste körpereigene Heilkräfte aktiviert. Dementsprechend gibt es auch verschiedene Arten von Placeboeffekten, die sehr spezifisch, teilweise sogar spezifischer als gewisse Medikamente wirken können.

Aber nicht nur das! Placebos wirken selbst dann, wenn Patient und Behandler wissen, dass es ein Placebo ist. Das heisst nichts anderes, als dass das gelernte Ritual der Pilleneinnahme selbst positiv wirkt.

Placeboeffekte täuschungsfrei in der Praxis anwenden

Placeboeffekte in der Praxis nutzen heißt nicht, dem Patienten ohne sein Wissen ein wirkungsloses Medikament zu verabreichen. Täuschung wäre weder ethisch vertretbar noch rechtlich erlaubt. Viel wichtiger ist es, die der Placeboreaktion zugrundeliegenden psychologischen Wirkfaktoren wie Erwartungshaltungen, Qualität der Arzt-Patienten-Kommunikation und Lernerfahrungen als wichtigen – auf den Patienten massgeschneiderten – Zusatz für den Behandlungserfolg zu begreifen. Dadurch wird jede wirksame Behandlung aufgewertet und Patienten werden dabei individuell unterstützt, positive, realistische und selbstwirksame Erwartungen an die Behandlung aufzubauen.

Personenzentrierte Medizin neu und integrativ gedacht

In dieser personenzentrierten „sprechenden Mind-Body-Medizin“ liegt ein riesiges genesungsförderndes Potenzial, das zur einfachen und kostengünstigen Verbesserung des Gesundheitswesens beiträgt. Sie kann nicht nur die Compliance optimieren, sondern reduziert auch den Medikamentenkonsum und die Nebenwirkungen. Gleichzeitig wird die Wirksamkeit und Verträglichkeit von effektiven medizinischen Behandlungen zum Wohle des Patienten verbessert.

Unsere praktischen interdisziplinären Placebo-Nocebo-Workshops zeigen immer wieder eindrücklich, dass man Behandler für die «sprechende Medizin» sensibilisieren und ausbilden kann. Dabei erzielt man mit verhältnismässig geringem zeitlichen Aufwand durch ärztliche Zuwendung einen grossen Nutzen und Zusatzwirkung.

Placebo, Nocebo & Kommunikation: Hier geht es zu den aktuellen Workshops zur Personenzentrierten Medizin am 30.8 und 22.11.2019

In unseren nächsten Blogs zum Thema erfahren Sie, welche anderen Elemente zu einer personenzentrierten Medizin gehören und wie man den Placeboeffekt in Organisationen systemisch fördern kann.

 

Vertiefende Literatur:

  • Fabrizio B. (2011): The Patient’s Brain. The neuroscience behind the doctor-patient relationship, Oxford University Press.
  • Krummenacher, P. (2018). Placeboanalgesie und Nocebohyperalgesie – Mechanismen und gesundheitsförderndes Potenzial. Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie.
  • Krummenacher, P., Candia, V., Folkers, G., Schedlowski, M. & Schönbächler, G. (2010; Epub, 28.10.2009). Prefrontal cortex modulates placebo analgesia.
    Pain, 148(3): 368-374.
  • Krummenacher, P. (2010). Expectation, Belief and Framing: Neuroscientific Aspects of Belief and Judgment Systems.
  • Simon, Fritz B. (2018): Formen – Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen, Heidelberg: Carl-Auer.
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